mélancolie

Sunday, December 18, 2011

Klassische Musik - Unvollendet

Manchmal ist es drei Uhr Nachts und gelegentlich hat man Hunger. Am dreizehnten November Neunzehnneunzig war so ein Moment, ein halb dunkler mit ganz viel Blaubeerjoghurt und noch mehr Rotwein und den Flecken, über B. in einer Wohnung dessen Badezimmer teurer als ein durchschnittliches Einfamilienhaus ist.
«Wenn ich dir eine Orgie beschreiben müsste, wäre sie nie in kontrastreichen Farben. Die Realität zeigt die härtesten Kontraste und ich sterbe, verstehst du das? Du musst nicht.»
«Wenn ich dir eine Orgie beschreiben würde, wäre ich der poetischste Pornoregisseur den es jemals gegeben haben wird, doch ich bin keiner, das musst du nicht verstehen.»
«Würde ich dir sagen, ich sei eine Befürworterin der zeitgenössischen Pornografie würde ich jegliche Authentizität und damit verbundenen Stolz einbüßen, mich zu einer Nichtigkeit des angepassten Bürgertums degradieren.»
«Ich liebe dich, weil du in der Normalität des Alltäglichen untergehen würdest, dein Scheitern der wunderschönste Schwanentod wäre und mich dein lebloser Körper schmerzlich erregen würde.»
«Ich sagte dir, ich würde dich lieben, weil es mein Leben einfacher macht und es letztendlich auf die Wahrheit hinausläuft.»
«...Und du weißt wie rasend mich solche Worte machen, aus deinem wunderschönen Mund, in deinem Gesicht, ein Gesicht in das man so ungern mit seiner Faust versinkt. Weh tun möchte ich dir - dennoch. Dich sehen wie du dich unter Schmerzen windest, dich lieben - dabei.»
Sie dreht sich um, in der Transparenz ihres Morgenmantels, und dem Licht auf ihrem Po. Sehen will sie was sie hört. Ihr Wille geschehe, ihren Stolz kann man nicht brechen.
Auf dem Rücken mit kraftlosen Handgelenken die die Hände leblos vom Bett hängen lassen.
«Hier. Hier hast du was du willst.»
Ihr Mund bewegt sich, bei geschlossenen Augen. Die rote Farbe auf ihren Lippen soll den Tod versüßen. Doch will er eigentlich nur blass. An eine Wasserleiche, an ihre Hüftknochen und die Arme, an das Algenhaar, die blauen Lippen denkt er während er sie liebt.

Dreizehnter November Neunzehnneunzig, zweiundzwanzig Uhr.
«Ich weiß nicht, ob wir uns etwas vormachen.»
Ihre Lippen umschließen den Löffel. Schon den dritten Becher Blaubeerjoghurt isst sie.
«Ich mache dir nichts vor.»
Er macht sich selbst etwas vor.
Im Laufe ihres einunddreißigjährigen Lebens haben sich Geschichten wie diese angehäuft. Dass sie keine einundzwanzig mehr ist freut sie. Alleine aufgrund ihres Alters fühlt sie sich ernstgenommen. Eine Frau zu sein ist nicht leicht, denkt sie sich. Aber nicht nur wenn sie in Pumps und Bleistiftrock Geschäfte abwickelt.
Breitbeinig auf dem Bett, im Schutz der Nacht, mit Blick über B. und Blaubeerjoghurt im Magen. Ihr Machtgefühl reicht gen unendlich.
«Es geht um Macht und Vertrauen. Warum sollte ich nicht ehrlich sein?»
«Ich weiß es nicht, aber ich spüre...»
«Bei der Anzahl an Frauen mit denen ich Nächte verbracht habe, hätte ich sie alle behandelt wie dich wäre ich ein armer Mann.»
«Geld ist nicht warm, nicht vertrauenswürdig. Geld ist kalt und Geld kann blutig sein. Denke ich an Geld höre ich schreiende Kinder und sehe ihre angstverzerrten Gesichter. Manche haben nur ein Bein, andere halten Blutendes im Arm. Ich möchte sterben.»
«Hätte ich Glück, würde ich es dir geben.»
Er hält sie fest im Arm, schaut über B. während sie weinend in seinem Schoß versinkt. Schnell legt er eines seiner Designer Samtkissen zwischen Ihr Gesicht und sich, ihre Zerbrechlichkeit, die Tränen erregen ihn.
«Ich bin bei dir.»
Mit der einen Hand hält er sie fest, mit der andere streichelt er ihr Haar. Er liebt es durch ihr Haar zu fahren, an ihm zu riechen, in ihm zu versinken. Er liebt es in ihr zu versinken. Er liebt sie?
Kann man sich ein ganzes Leben vormachen?
«Warum leben wir nicht zusammen?»
Sie schaut auf.
Er überlegt kurz.
«Wahrscheinlich wäre es ein logischer Schluss, ja. Ja! Du solltest unbedingt hier einziehen. Das ist es, was dich umgeben sollte, das und nichts anderes. Es ist standesgemäß.»
Ihr Leben hat keinerlei Sinn. Er ist es nicht.
«Ja.»

Sie hat sich damit abgefunden Schmuck zu sein. So als würde sie ruhig stehen, in Pose, für einen Fotografen, sie in ihrer neuen Wohnung, in der Wohnung die er gekauft und einrichten lassen hat.
Sie passt in die Wohnung, genauso wie sie an seine Seite passt, wie sie ihn schmückt. Das ist der Grund wieso sie hier ist.
Sie haben selten Streit und führen halbwegs befriedigende Gespräche. Das was er als Leben definiert ist für sie okay.
Ist sie traurig atmet sie drei mal tief durch, schluckt, schaut sich in den Spiegel, korrigiert ihr Make-up und geht einkaufen.
In letzter Zeit kauft sie sich viele schöne Dinge.

2 comments:

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© raphaela anouk
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