mélancolie

Friday, July 1, 2011

kirschblüten (n°1)



liebe m.,
wie versprochen schreibe ich dir. hier ist es schön. ich muss jeden tag vor neun uhr aufstehen, dann begleitet man mich ins bad, dort sind meist kaum noch andere mädchen, da alle vor mir aufgestanden sind.
es ist ein sehr großes bad, ein so großes wie ich es noch nie zuvor sah.
die wände sind hoch, dass ich dir nicht sagen kann wie, mit so viele fliesen, dass ich sie nicht zählen kann. stelle es dir einfach wie einen schlafsaal vor, nur anstelle der bettenreihen an den wänden gibt es eine waschbeckenreihe in der mitte des raumes und duschen an den seiten.
es ist unglaublich und so sehr ich es hasse bin ich fasziniert.
ich wünschte du wärst hier.
es ist alles in sehr hellen farben, meist weiß eigentlich. der waschsaal, den ich lieber badezimmer nenne ist hellblau verfließt. es sieht wie eine alte schwimmhalle aus.
eigentlich besteht das gesamte gebäude aus hallen und sälen, und eigentlich ähneln sie sich alle, gewissermaßen. schlafsaal ist waschsaal ist esssaal ist schwimmhalle ist eingangshalle ist...
könnte ich etwas anderes fühlen wäre ich im paradies, du musst mir glauben m.
das anwesen ist riesig und im moment grün. ich bin seit dem kirschblütenmai hier, die freie zeit verbringe ich draußen, alleine, so weit abseits, dass ich niemanden sehen oder hören muss.
die mädchen hier kichern viel, machen alles in gruppen, tragen helle farben und bänder im haar.
aber sie sind bloß schauspielerinnen, oder marionetten anderer.
zwei bis drei mal täglich bekomme ich pillen, ich mag das schlucken, aber weiß nicht genau was sie mir geben. ich weiß auch nicht ob ich mich verändere, und ob es gut ist.
alles ändert sich so schnell, manchmal denke ich für wenige sekunden ganz anders als noch davor, um dann wieder so zu denken wie ich eben noch dachte.
alles ist so wunderschön,
wunderbar,
ich möchte sterben,
da ist dunkelheit,
wunderbar.
ich kann mir selbst nicht folgen, ich glaube, gerade werde ich wieder traurig, und sehr müde.
weißt du m., ich hatte glück, sie haben mir ein zimmer nur für mich gegeben. ich weiß nicht was ich machen würde wäre es anders. es ist recht groß, an die zwanzig quadratmeter glaube ich, und die wände hoch, an die vier meter.
ich habe dielenboden der auch hell ist, ein weiß lackiertes metallbett, das recht mittig steht, einen kleinen schrank, einen tisch neben dem fenster und einen stuhl.
neulich hat man mir ein weißes lammfell mitgebracht und blumen, die in einer vase am fenster stehen. über die letzten wochen habe ich mich einwenig eingerichtet, bilder und fundstücke an die wand gehängt. ich habe ein foto für dich gemacht.
vielleicht kannst du ja auch bald kommen, würdest du mir ein schwarzes lammfell mitbringen? das würde ich noch lieber mögen.
mehrmals pro woche werde ich in einen ungewöhnlich dunklen raum gebracht. er ist hoch wie all die anderen räume, mit eben so großen fenstern, aber die einrichtung unterscheidet sich deutlich. mit dunklem holz vertäfelte wände, der geruch nach staub und alten büchern, leder garnituren, ein massiver schreibtisch mit einem dunkelgrünen stuhl.
das parkett ist ebenfalls dunkelbraun und die teppiche schwer und in matten, edlen farben.
heute wurde ich wieder dorthin gebracht. ich trug eine dunkle short und ein helles hemd, wir haben einen richtigen sommertag. ich setze mich immer ganz nach rechts auf das ledersofa, meine haut bleibt bei diesen temperaturen daran haften, ein gefühl das ich nicht mag.
vor mir, am schreibtisch auf dem dunkelgrünen stuhl sitzt ein größerer mann in einem nicht bis zum letzten knopf zugeknöpften hemd, seine haut ist von der sonne dunkler gefärbt und seine gesichtszüge trotz all dem maskulinen weich.
er fragt mich wie jedes mal, wie es mir denn ginge.
und wie jedes bisherige mal sagte ich zu allererst, dass ich es nicht wüsste.
sehr wohl würde ich es wissen erwiderte er, ich müsse doch nur einmal in mich hinein schauen.
er solle das doch übernehmen, wenn es ihm denn so wichtig sei, meinte ich darauf.
dann lachte er kurz, ich schaute ihn dabei ganz genau an. ich weiß nämlich, dass es schwäche zeigt, wenn man menschen nicht ansehen kann.
und glaube mir, selbst wenn ich im paradies bin möchte ich hier nicht bleiben.
anfangs habe ich ihm immer irgendwelche geschichten erzählt, ich kam auch jedes mal mit einem schwarzen schleier, ich mag die dramatik. aber bei diesen leuten macht das wohl einen falschen eindruck, also lasse ich es. du weißt, es ist mir reichlich egal welchen eindruck ich hinterlasse, und der falsche vergnügte mich meist ganz besonders, aber du kannst dir sicherlich auch denken, dass das in diesem fall nicht sehr ratsam wäre.
glücklicherweise ist es niemanden erlaubt die post zu lesen, sonst würde das hier alles viel aufwändiger werden.
den sommer würde ich gerne noch hier verbringen, was kann man besseres zu dieser jahreszeit machen?
mir ist nur noch das wort "sommerfrische" im kopf.
sommerfrische, sommerfrische, sommerfrische.
ach m., lass uns nächsten jahr die wunderbarste sommerfrische in den bergen verbringen, auf einer alpinen hütte, oder noch besser, in einem tal, in einem haus an einem see. es würde wie in den alten französischen filmen werden, nicht wie in den deutschen.
wunderbar wäre das, wunderbar, ja ganz bestimmt.
wie fühlst du dich, seit du sedative mittel nimmst? fragte er mich heute.
ich sage ihm, dass ich viel lieber die vögel draußen beobachte und finde, dass man hier rehe, kaninchen und flamingos halten sollte, genügend platz hätte man ja.
er lächelte dann und sagte mir, dass ich es mir doch nicht künstlich schwer zu machen brauche.
aber ich verstehe doch nichts mehr, versuchte ich ihm zu erklären. das alles, überhaupt alles hat keinen sinn (mehr). aber das heißt nicht, dass der tod der sinn wäre, sagte ich auch. darum würde es mir gar nicht gehen.
er sagte, dass er das wohl auch hoffen würde und meinte ich könne gehen.
zwei frauen mit streng zurückgebundenen haaren holten mich ab, ihre sanften stimmen passen nicht zu den strengen gesichtszügen, zu den senkrechten falten um den mund.
ihre blicke und ihre gesten sollen wärme symbolisieren. zurück in meinem zimmer, geschlossene tür, kann ich dir nicht mehr schreiben, da meine hände schwer wie meine lider werden.

(...)



kirschblüten
im mai
sie dürfen schlafen
zart wird gestreift
alles
und du.

10 comments:

  1. julia zanges loretta flirrt durch die zeilen

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  2. "zwei frauen mit streng zurückgebundenen haaren holten mich ab, ihre sanften stimmen passen nicht zu den strengen gesichtszügen, zu den senkrechten falten um den mund"

    diese frauen hast du genial dargestellt mit diesen Photos!!!so gut!du hast gouvernantenstrenge und die fürsorge einer ballett-maman im blick!

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  3. liebe raphaela,
    kannst du auch fröhliche texte mit stil, spannung und faszination seitens des betrachters schreiben; oder geht das nur mit diesem bedrückendem, poetischem, melancholischem, ja fast wie selbstmitleidigen beigeschmack??
    das ist es was ich mich frage grade!
    (nicht das ich es nicht mag -aber das frage ich mich grade!)
    gruß

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  4. der text ist sehr schön, schöner schreibstil - das gedicht auch:)

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  5. lieber anonymous,
    danke. wenn ich schreibe nehme ich mir im vorhinein nicht vor, dass ein text um diese oder jene thematik gehen soll. dass emtion a oder emtion b vorkommen soll. aber deine beobachtung ist völlig richtig. ich werde in zukunft einmal versuchen bewusst gewisse emtionen zu umschreiben, etwas ohne traurige dramatik.
    ebenfalls: gruß!

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  6. ich musste auch ein bisschen an die anstalt der besseren mädchen denken, dein schreibstil ist aber anders- schön.

    oh, und das letzte bild passt hervorragend zum text.

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  7. was hat es mit em_tion auf sich?


    ----

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  8. anonymous,
    was hat es mit emotionen auf sich?
    das fragt man sich, falls du mich fragst habe ich keine antwort, zumindest nicht in diesem moment.

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  9. ich mags sehr... kennst du 'tagebuch einer schizophrenen' von m.sechehaye?
    hübsch biste, schöne fotos

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© raphaela anouk
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